Ist die Suche nach der Wahrheit etwa das Problem statt ein Weg zur Lösung im Konflikt? Ein Film über Prof. Dr. Wolf Singer

Die Suche nach der Wahrheit stiftet seit Menschengedenken Zwietracht und Konflikt. Alle Völker und Kulturen haben dennoch dabei mitgemacht. Denken Sie an die alten Griechen, die Mayas, die Inkas, die Chinesen, die Ägypter, die Perser, die Germanen, die Römer, Muslime, Christen, Juden, Buddhisten, Hindus.  Alle waren auf der Suche nach der Wahrheit.

Ente oder Hase. Was ist Ihre Wahrheit?

Ente oder Hase. Was ist Ihre Wahrheit?

Der Religionswissenschaftler Walter Schönert von der Universität Hannover behauptet, es habe bis auf wenige Ausnahmen in der Menschheitsgeschichte keine Kultur gegeben, die keine Religion hatte. Und weiter sagt er: "Jede nahm für sich in Anspruch, die Wahrheit gefunden zu haben". Die Folgen des Konfliktes mit anderen Wahrheiten sind teilweise bis heute verheerend. Ist Wahrheit also Glaube? 

Philosophen des Altertums und der Neuzeit beantworten die Frage nach der Wahrheit mit geistiger Reflexion und Rückentwicklung des Beobachteten auf seinen Ursprung an sich. Auf "das Ding an sich", wie Kant es nennt. Ist Wahrheit also Logik? Die moderne Wissenschaft behauptet, dass etwas dann wahr ist, wenn es wiederholbar ist und stets das selbe Ergebnis hervorbringt. Ist Wahrheit also Reproduzierbarkeit?

Regierungen und Parlamente erfinden sogar künstliche Wahrheiten. Diese nennt man dann Gesetze. Richter, Rechtsanwälte, Staatsanwälte und Polizeibehörden verteidigen diese künstlichen Wahrheiten in der guten Absicht, damit Konflikte zu vermeiden und zu lösen. Der Neurowissenschaftler Prof. Wolf Singer kommentiert dies so: "Wahrheit ist das, worauf sich eine Vielzahl von Menschen geeinigt hat, dass es wahr ist."  Diese Sichtweise geht schon ein bisschen mehr in Richtung Mediation. Ist Wahrheit also nur eine künstliche Konstruktion – ein Artefakt?

Partner, Ehepaare, Kollegen, Freunde, Nachbarn – allerorts werden ausgedehnte Konflikt-Dialoge darüber geführt, wie Vergangenes sich in Wahrheit ereignet hat. Liegt der Schlüssel zur Wahrheit also in der Vergangenheit? Diese Frage führt uns zu einer weiteren Frage:

Gibt es überhaupt eine Wahrheit im Konflikt-Dialog?

Ist die Welt, wie wir sie sehen, tatsächlich Realität oder nur ein Produkt unseres Gehirns? Was wäre, wenn das, was wir erleben, bloß eine individuelle Illusion ist? International renommierte Wissenschaftler machen anhand anschaulicher Beispiele deutlich, wie leicht unsere Wahrnehmung – und damit unsere individuelle Realität – beeinflussbar ist. Ist die Welt, so wie wir sie sehen, real oder lediglich Produkt des menschlichen Gehirns? Was wäre, wenn unsere Erlebnisse individuelle Illusionen wären, ein Film in unserem Kopf? Das widerspricht unserem Weltbild, nach dem Realität wissenschaftlich messbar, somit Fakt und für alle Menschen gleich ist.

Hirnforscher gehen davon aus, dass wir unser Leben nur innerhalb unseres Gehirns erleben. Jeder Mensch konstruiert somit seine individuelle Realität. Und der Mensch kann seine Wahrnehmung und sogar die Struktur seines Gehirns durch gezielte Techniken verändern und damit aktiv seine Realität gestalten. Die Erkenntnisse der Hirnforschung verleihen dem bisherigen Verständnis von Realität eine neue Dimension. 

Im unserem nachfolgenden 15 minütigen Film geben Hans Markowitsch (Professor für Physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld), Wolf Singer (emeritierter Professor und Direktor der Abteilung für Neurophysiologie am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main) und Elizabeth Loftus (Professorin für Forensische Psychologie an der University of California und Mitglied der Akademie der Wissenschaften) die Ergebnisse Ihrer wissenschaftlichen Forschung preis. 

Zusammenfassung: 

  1. Unsere Sinne nehmen nur einen minimalen Teil des gesamten Spektrums elektromagnetischer Wellen wahr. Der größte Teil an Informationen bleibt uns allen verschlossen. 
  2. Das Auge sieht nicht wirklich. Es empfängt lediglich elektromagnetische Wellen, die erst im Gehirn zu Bildern und deren Bedeutung entsprechend unserer Lernerfahrung gewandelt werden. Was wir sehen, entsteht also in unserem Gehirn. Es wird nicht als fortlaufender Film gespeichert, sondern nur in Fragmenten, quasi wie einzelne Memory-Steinchen. 
  3. Diese Memory-Steinchen erfahren eine Erinnerungshierarchie durch die Höhe des emotionalen Interesses und der Neigung. Fehlende Steinchen werden durch andere Erlebnisse, Erfahrungen und Erwartungen "automatisch" ergänzt.
  4. Speicherinhalte sind nicht stabil. Unsere fortlaufenden Erlebnisse, Erfahrungen und Erwartungen verändern den Speicherinhalt. Schon die Art einer Fragestellung kann zu unterschiedlicher Speicherwiedergabe führen. 
  5. Die Detailgenauigkeit und die emotionale Beteiligung einer Erzählung lässt keinerlei Rückschlüsse auf die Tatsächlichkeit vergangener Erlebnisse zu. Bestenfalls auf eine lebhafte Phantasie.

Fazit für die Konflikt-Lösung

Es besteht ernst zu nehmender Zweifel daran, ob es eine allgemein gültige, absolute Wahrheit gibt. Die Praxis zeigt jedoch dass "Wahrheit"  im Konflikt-Dialog stets eine zentrale Rolle spielt. Von außen betrachtet, scheint es immer mehrere, mindestens zwei Wahrheiten zu geben. Diese Wahrheiten sind auch subjektiv tatsächlich wahr. Diese Wahrheiten ergeben sich jedoch in Ermangelung der Wirklichkeit von absoluten "Wahrheiten" lediglich aus den subjektiven Wahrnehmungen, gespeicherten Erfahrungen und Erlebnissen der jeweiligen Protagonisten eines Konfliktes. 

Kollidieren diese unterschiedlichen "Wahrheiten" miteinander, kommt es im Konflikt-Dialog regelmäßig zur Frage: Wer hat Recht? Ist es nicht erstaunlich, dass vor Gericht, unter Kollegen oder in Partnerschaften jeder einzelne Beteiligte glaubt,  als einziger die Wahrheit zu kennen? Sind die anderen unwissend oder lügen sie sogar bewusst? Der Richterberuf ist eigens dafür geschaffen worden, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Macht dies denn Sinn, wenn es keine objektive Wahrheit gibt? 

An diesem Schnittpunkt eröffnet sich in der Welt der Mediation gleichzeitig der Scheideweg zwischen Konflikt-Rückschau und Lösung. Betrachten die Protagonisten ihre jeweilige Wahrnehmung der "Wahrheit" als absolut und allgemein gültig, steigt der benötigte Energieaufwand, um zu einer guten Lösung zu finden. Betrachten die Protagonisten Ihre Wahrheit lediglich als Teilaspekt einer möglichen Wahrheit, so kann die Energie in einen Integrationsprozess zu einer gemeinsamen und für alle besseren "Wahrheit" investiert werden. 

Ein Beispiel für einen inneren Konflikt aus der Praxis

Peter will ein Bild aufhängen. Einen Nagel hat er bereits gefunden, aber er hat keinen Hammer. Peter weiß, dass sein Nachbar einen Hammer hat. Also beschließt Peter hinüberzugehen und sich den Hammer vom Nachbarn zu borgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel:

„Was ist, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon hat er mich nur so flüchtig gegrüßt. Vielleicht war er ja nur in Eile. Aber vielleicht hat er die Eile auch nur vorgetäuscht und er hat etwas gegen mich. Und wenn ja, was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir einen Hammer borgen wollte, ich gäbe ihn ihm sofort. Warum auch nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften die ganze nachbarschaftliche Gemeinschaft. Und dann bildet er sich am Ende noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht es mir aber wirklich!“

Und so stürmt Peter zu seinem Nachbarn und klingelt. Der öffnet und noch bevor dieser guten Tag sagen kann, schreit ihn Peter an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“ (aus Paul Watzlawick: „Anleitung zum Unglücklichsein“) Kommt Ihnen so etwas ein bisschen bekannt vor? Haben Sie so etwas Ähnliches schon einmal erlebt? Vielleicht haben Sie sich selbst sogar schon einmal mit solchen Gedanken ertappt. 

Was kann man in der Praxis tun, um diesem Unsinn im Konflikt-Dialog zu entgehen? 

Mit dreißig Jahren wurde Byron Kathleen Reid von einer starken Depression heimgesucht. Über einen Zeitraum von zehn Jahren verstärkte sich ihre Depression und Katie verbrachte beinahe zwei Jahre in einem Zustand, in dem sie selten fähig war, ihr Bett zu verlassen und Selbstmordgedanken sie dominierten. Eines Morgens, in ihrer tiefsten Verzweiflung, erlebte sie ein Leben veränderndes Erwachen.

Katie erkannte, dass ihre Konflikte in erster Linie Konflikte mit Ihren eigenen Gedanken sind: „Mein Ehemann liebt mich nicht“, „Meine Kinder schätzen mich nicht genug“. Dann entdeckte sie, dass sie litt, wenn sie glaubte, etwas sollte anders sein, als es ist und dass sie Frieden empfand, wenn sie diese Gedanken nicht glaubte. Sie erkannte, dass nicht die Welt um sie herum Ursache für ihren Konflikt war, sondern ihre Überzeugungen über die Wahrheit der Welt. In einem Geistesblitz erkannte Katie, dass wir uns mit der Suche nach der Wahrheit in die falsche Richtung begeben. Anstatt den hoffnungslosen Versuch zu starten, die Welt so verändern zu wollen, wie sie unserer Wahrheit gemäß sein sollte, können wir die Wirklichkeit der vermeintlich erlebten Wahrheit jederzeit hinterfragen. So erfahren wir unvorstellbare Freiheit und Freude. Katie hat einen einfachen, jedoch wirkungsvollen Untersuchungs-Prozess entwickelt: "The Work" der eine Transformation ermöglicht.

Als Resultat wurde aus einer bettlägerigen, Suizid gefährdeten Frau seit nunmehr dreißig Jahren eine international begehrte Vortragsrednerin, Trainerin und Seminarleiterin. Ihre Bücher wurden millionenfach verkauft und Ihre Methoden haben längst Einzug in den wissenschaftlichen Alltag der klinischen Psychologie gefunden. 

In der nächsten Ausgabe von deflikt Insight erfahren Sie die Schritt-für-Schritt-Anleitung zu The Work. 

 

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