Sicher, das alles ist nicht wirklich neu. Sozusagen ein alter Hut. Dennoch gebe ich zu bedenken, dass gegen Kälte auch ein alter Hut gut hilft, wenn man ihn aufsetzt. Eine glückliche Partnerschaft zu führen gehört zu den zentralsten Wünschen der Menschen und steht in Untersuchungen meist an erster oder zweiter Stelle (nach Gesundheit) innerhalb der Wunschhierarchien. Neun von zehn Befragten geben an, dass ein glückliches Partnerschafts- und Familienleben für sie vorrangig sei und zu den wichtigsten Werten in ihrem Leben gehöre. Gemäß diesen Vorstellungen ist eine glückliche Partnerschaft durch gegenseitigen Respekt, Liebe, Zärtlichkeit und Treue gekennzeichnet (Bodenmann, 2004).

Dysfunktionale (zerstörerende) Aspekte in der Partnerschaft?
Eine umfangreiche Anzahl der Forschungsarbeiten widmete sich der Untersuchung von Kommunikations- und Einflussstrategien, die in Paarbeziehungen zur Problemlösung und Konflikt-Interaktion angewandt werden. Man kam zu dem generellen Konsens, dass jede Kritik in der Partnerschaft, jegliches ablehnende, kritische oder fordernde Kommunikationsverhalten und die damit verbundenen negativen Reaktionen des Partners zu einer geringeren Zufriedenheit in der Beziehung führt (siehe Gottmann & Notarius, 2000; Weiss & Heymann, 1997, zitiert nach Overall et al, 2009).
Die 5 : 1 -Regel
In den Untersuchungen von Gottman (1993) hat sich herausgestellt, dass der Quotient aus positiven und negativen Kommunikationsereignissen 5:1 oder höher sein muss. So lange bei einem Paar das Verhältnis von positiver Interaktion und Kritik in der Partnerschaft 5:1 beträgt, stellt sich bei Auseinandersetzung relativ schnell psychophysiologische Beruhigung ein, die die Kompromissfähigkeit steigert. Beide Partner fühlen sich in der Beziehung wohl.
Verringert sich das Verhältnis 5:1, so hat dies zur Folge, dass Auseinandersetzungen psychophysiologisch erregt verlaufen und sich die Wahrnehmung verändert. Die Wahrnehmung geht dabei fast übergangslos vom Zustand des Wohlfühlens in den Zustand des Leidens über. Die veränderte Wahrnehmung hat zur Folge, dass die Attributionsprozesse immer negativer und stabiler werden. Die Partner fühlen sich durch die steigende Negativität der Interaktion überflutet („flooding“) und attribuieren stärker negativ. Dies kann zu Distanzierung und Isolierung der Partner führen und in der Folge beginnen die Partner, die Geschichte ihrer Beziehung umzugestalten und zu überdenken. Die Umgestaltung bringt mit sich, dass nun auch in der Erinnerung vorher positiver Aspekte der Beziehung negativer gesehen werden. Wenn dieses Stadium erreicht ist, ist der Schritt zur Trennung bzw. Scheidung nicht mehr groß.
Was bedeutet das in der Praxis
Im Folgenden möchte ich nun vorgenannte wissenschaftliche Aussage an einem praktischen Beispiel ansehen:
Phase des Wohlfühlens
Simone und Peter haben sich vor einem Jahr auf einem Rock-Konzert kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Peter fiel Simone zuerst durch ihre adrette feminine Kleidung auf. Entgegen der sonst bei den Damen auf solchen Veranstaltungen eher üblichen Jeans trug sie ein kurzes Kleid und Schuhe mit Absätzen entgegen der sonst eher üblichen Turnschuhe. Simone fand Perter sehr männlich, betont durch einen Drei-Tage-Bart und muskulöse Oberarme, die durch sein Trägershirt zu sehen waren. Außerdem gefiel ihr seine unbeschwerte Art durchs Leben zu gehen, wie ihr später auffiel. Am Abend spielte Peter dann noch auf dem Zeltplatz am Feuer einige Rock-Balladen Ihrer Lieblingsband. Seine tiefe männliche Stimme ließ sie dahin schmelzen.
Peter studierte in München Maschinenbau während Simone eine Anstellung als PR-Managerin in einem Verlag in Berlin hatte. So konnten sie sich beide nur alle 2 Wochen sehen. Meist folgten sie dann der Tournee Ihrer Lieblingsband und erneuerten so immer wieder die Eindrücke ihrer ersten Begegnung.

Übergangsphase
Nach sechs Monaten war es aber dann soweit. Simone besuchte über Weihnachten Peter für sechs Tage in München. Er wohnte in einer Altbauwohnung, die schon Jahrzehnte keine Renovierung mehr gesehen hatte. Überall standen benutze Tassen und angebrochene Flaschen herum. Als Simone zur Tür herein kam, räumte Peter noch schnell benutze Wäsche vom Sofa, zündete eine Kerze an, löschte das Deckenlicht und öffnete eine Flasche Wein. Bis am nächsten Vormittg dachte sich Simone nicht viel dabei, schließlich war sie bis über beide Ohren in Peter verliebt. Bestimmt hatte er tagsüber noch viel zu tun gehabt, dass er es wohl nicht geschafft hatte, noch aufzuräumen und sauber zu machen. Das passierte ihr ja auch manchmal. Allerdings, im Badezimmer wurde sie schon ein bisschen stutzig, das sah nicht danach aus, als ob es regelmäßig gereinigt werden würde. Sie fand´s ein bisschen eklig, aber schließlich dachte sie daran, wie schrecklich viel Zeit sie in ihrer Wohnung mit Putzen und Aufräumen verbrachte. Musste das wirklich sein? Peter nahm das Leben viel leichter. War sie vielleicht im Laufe der Zeit pingelig geworden und ließ das wahre Leben ein Stück weit an ihr vorbei ziehen?
Über Ostern kam es dann zum Gegenbesuch: Peter reiste zu Simone nach Berlin in ihre schicke Stadtwohnung. Simones erste Neubauwohnung war ihr ganzer Stolz. Ihr Vater half wochenlang beim Verlegen von Parkett und unterstützte sie finanziell großzügig beim Kauf moderner Designer-Möbel. Alles war akurat aufgeräumt und nirgends ein Staubkorn oder Krümel zu sehen. Schließlich sollte sich Peter so richtig wohl fühlen.
Phase des Leidens und erste Kritik
Schon seit drei Tagen ärgerte sich Simone darüber, dass Peter immer seine Wäsche auf dem Fußboden liegen ließ. Auch das Handtuch im Bad warf er einfach zu Boden und Gläser und Teller musste sie immer selbst in den Geschirrspüler räumen. "Kannst du auch mal deinen Teller selbst in die Küche bringen? Und überhaupt, werf doch nicht immer dein Handtuch auf den Boden! Da sind extra Handtuchstangen im Bad dafür!"
Verdichtung der Kritik und erste Verachtungssignale
Peter lachte nur, nahm Simone in den Arm und sagte: "Beruhig dich Frau Pingelchen". Simone fand das nicht lustig, aber sie beruhigte sich wieder, schließlich wollte sie die wenige gemeinsame Zeit nicht mit Streit verbringen. Während der nächsten Tage sagte Peter ein paar mal noch so etwas wie: "Nun seh mich doch nicht so grimmig an, nur weil meine Socken auf dem Sofa liegen. Wenn ich wieder in München bin, kann du ja wieder dein Spießerleben führen:"
Da platzte Simone der Kragen. "Du hast sie wohl nicht mehr alle. Bist 30 Jahre alt und drückst dich immer noch auf der Uni rum, während ich schon mit 25 auf meinen eigenen Beinen stehe und mir etwas aufgebaut habe."
"Ach mein Schicki-Micki Püppchen ist mal wieder unzufrieden", entgegenete Peter. "Hast du deine Tage, oder was ist los mit dir? Werd´mal normal. Meine Freunde lachen auch schon darüber, wenn Du auf den Konzerten im Blümchenkleid und Hackenschuhen auftauchst. Benimm Dich doch mal normal, wie andere Frauen auch, oder denkst Du, dass Du was Besonderes bist?"
Umdeutung der Beziehungshistorie und Rückzug
Ob sie wohl doch nicht so richtig zusammen passen, fragte Simone ihre beste Freundin am Telefon, nachdem Peter wieder abgereist war. Er ist ein echter Schmuddeltyp und total ungepflegt, das fiel ihr schon gleich auf, als sie sich das erste Mal sahen. Schon damals war er unrasiert und sein Shirt roch total nach Schweiß. "Gott sei Dank, jetzt ist er erst einmal wieder weg und so schnell braucht er auch nicht wieder zu kommen. Anrufen braucht er auch nicht, ich will ihn erst einmal auch gar nicht hören."
Peter meinte am Abend nach seiner Heimkehr nach München in seiner Stammkneipe: "Wie konnte ich mich bloß auf so ´ne Tussie einlassen. Ich hab´s ja gleich beim ersten Mal gesehen. Welche normale Frau geht schon im Blümchenkleid und Hackenschuhen auf ein Rock-Konzert. War mir doch gleich klar, dass die sich für etwas Besseres hält. Ne, ne, so schnell braucht die nicht wieder anrufen. Und auf´s nächste Konzert fahre ich alleine."
Kritik – der 1. apokalyptische Reiter
In dem Beispiel finden sich neben der apokalyptischen Beziehungs-Spirale auch einige Beispiel für Kritik. Das Erkennungsmerkmal der Kritik ist ihr typisches Sprachmuster.
Sprachmuster der Kritik:
Ein sicheres Zeichen für Kritik ist der Blickwinkel der Botschaft. Gemeint ist damit, dass Kritik meist mit dem Wort "Du" beginnt. Also der Blick ist auf die andere Person gerichtet mit einem Hinweis darauf, was diese "falsch" macht. Danach folgt eine Verallgemeinerung die zum Beispiel mit den Worten "immer" oder "nie" eingeleitet wird. Dies mündet dann im schlimmsten Fall in einer Bewertung des Charakters der Person. Nachfolgend sehen Sie ein paar Beispiele.
Nie bringst du den Müll runter. Du bist echt faul.
Du hast mal wieder nicht an mich gedacht. Du bist so rücksichtslos. Jetzt kommst du schon wieder zu spät. Du bist so unzuverlässig. Dir kann man nie etwas recht machen. Du bist so ein Erbsenzähler. Du mit deinem dauernden Putzfimmel. Du bist echt krank. |
| ___ = Du-Botschaft ___ = Verallgemeinerung ___ = persönliche Charakterzuschreibung |
Sehen Sie zur Vertiefung hier noch ein Video-Beispiel. Diesmal aus einer Arbeitsumgebung. Dabei wird deutlich, dass diese ungünstigen Kommunikationsmuster nicht nur in Beziehungen die apokalyptische Abwärtsspirale einleiten, sondern in jedem sozialen Kontext, der Anfang vom Ende sind.
Fassen wir zum Ende dieses Kapitels die für einen konstruktiven Soll-Ist-Ausgleich zweier unterschiedlicher Positionen ungünstige Methode von Du-Botschaften zusammen:
| Du-Botschaften |
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Die Geschwister der Du-Botschaft: Man- und Wir-Botschaften
In meinen Beobachtungen über viele Jahre fiel mir auf, dass manche Menschen ein instiktiv sicheres Gefühl für die zerstörende Wirkung von Du-Botschaften haben. Ein häufig anzutreffender Ausweg scheint die Umgehung von Du-Botschaften durch Man- und Wir Botschaften zu sein. Es ist jedoch Vorsicht geboten, da auch diese Sprachmuster einen Konsens und Empathie hemmenden Charaker haben:
| Man-Botschaften | Wir-Botschaften |
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(Coatrain et. al. 2010) |
Die Handlungsalternative
Ich-Botschaften
Eine Ich-Botschaft besteht aus einem Gefühls- und einem Tatsachenanteil: Die eigenen Gefühle werden in der Ich-Form zum Ausdruck gebracht. Was die Gefühle verursacht hat, wird im sachlichen Informationsteil der Botschaft mitgeteilt:
„Als ich heute morgen sah, dass dein Handtuch auf dem Badezimmerboden lag, war ich sehr enttäuscht!“
Das Benutzen von bestimmten Worten wie z. B. „wieder“ oder „immer“ gilt es in einer Ich-Botschaft zu vermeiden. Durch diese Generalisierungen wird die Aussage zu einer Killerphrase: sie greifen den Empfänger an und provozieren eine unfruchtbare Konfrontationssituation.
In der Ich-Form vorgebracht, werden geäußerte Gefühlsstimmungen nicht zur verletzenden Kritik an der anderen Person. Die Ich-Botschaft vermeidet eine unfruchtbare Konfrontationssituation und trägt der Tatsache Rechnung, dass zuerst der Sprecher ein Problem hat, nicht der Angesprochene. In Ich-Botschaften werden Wahrnehmungen als meine Wahrnehmungen und Gefühle als meine Gefühle gekennzeichnet und damit dem Bereich objektiver Tatbestände entzogen. Schuldzuweisungen werden dadurch erschwert oder verhindert.
Ich-Botschaften vermitteln ohne Angriff lediglich die Wirkung, die ein Verhalten oder eine Haltung des Gegenübers hat. Dadurch wird dem Gegenüber ermöglicht, sein Verhalten in einem Freiraum, ohne Erwartungsdruck und ohne Rechtfertigung zu reflektieren. Ich-Botschaften fördern Ich-Botschaften des anderen. Dadurch entsteht eine Atmosphäre der Offenheit und Vertrautheit. Schlussendlich stabilisieren sie die Beziehung insgesamt.
Ich-Botschaften sind eine wichtige Methode der Deeskalation, da sie dem Empfänger das Nachgeben und Einlenken leichter machen.
Der Sprecher einer Ich-Botschaft ist ein Mensch mit Empfindungen, mit Stärken und Schwächen und nicht ein Halbgott, der über den Dingen steht. Dadurch wird aus einer hierarchisch-autoritären eine partnerschaftliche Beziehung.
Ich-Botschaften mit der WWW-Formel: Wahrnehnung – Wirkung – Wunsch
Die Wahrnehmung bezieht sich immer nur auf ein konkretes Ereignis. Dabei ist es hilfreich, die Wahrnehmung möglichst präzise und konkret wahlweise mit Zeit, oder Ortsangabe zu beschreiben:
| Typische Ich-Botschaften mit Wahrnehmungsbeschreibungen sind: |
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Wahrnehmung
Heute morgen ist mir aufgefallen, dass dein Handtuch auf dem Badezimmerboden lag.
Wirkung
Nun folgt die Beschreibung des Gefühls, dass diese Wahrnehmung bei mir ausgelöst hat:
Ich fühlte mich dabei insitnktiv unwohl.
Wunsch
Jetzt kann ein Wunsch oder eine Bitte folgen:
Ich wünsche mir sehr von dir, dass …
Die Schule des Wünschens: Hinter jedem Vorwurf steckt ein Wunsch
Ich habe beobachtet, dass die meisten Menschen es sich zur Gewohnheit gemacht haben, bei einer Abweichung dessen, was sie sich wünschen (SOLL) und dem, was ihr Gegenüber ihnen anbietet (IST), in den Sprachmodus des Vorwurfes zu verfallen. Das macht mir meist ungute Gefühle, sehe ich doch mit dieser Vorgehensweise regelmäßig Wolken am Himmel aufziehen. Betrachte ich die Situation dann einmal genau, stelle ich häufig fest, dass hinter jedem Vorwurf tatsächlich ein Wunsch steht. Ich wünsche mir, dass immer mehr Menschen tatsächlich ihre Wünsche ausdrücken.
Es gibt für Ich-Botschaften in Verbindung mit der Schule des Wünschens eine Reihe von Rahmenbedingungen, die den Umfang dieses Aufsatzes sprengen würden. Ein paar der Rahmenbedingungen, die wir intensiv in unseren Seminaren Konflikt-Management, Mediative Kompetenz und Führung bearbeiten, seien hier deshalb nur kurz angesprochen.
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Sie möchten mehr darüber erfahren und erproben. Dann besuchen Sie doch gerne unser Seminar "Konflikte verstehen und lösen lernen" |
Zu guter letzt: Die Kommunikationserkenntnisse von Konrad Lorenz
Gesagt ist nicht gleich gehört, gehört ist nicht gleich verstanden, verstanden ist nicht gleich einverstanden, einverstanden ist nicht gleich getan, getan ist nicht gleich beibehalten.
Mit diesen Worten von Konrad Lorenz wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Ausprobieren und viel Erfolg in Ihren privaten oder beruflichen Beziehungen mit dem neuen Tool. Vielleicht sehen wir uns ja demnächst in einem meiner Seminare.







